Der Tod des wichtigsten italienischen Verlegers der Linken schärft die Konturen der neuen sozialen Bewegung durch die tiefgreifenden Diskussionen, die er auslöst. Die Suche nach einer neuen persönlichen und kollektiven Subjektivitat, nach Lebens- und Widerstandsformen wird durch den Tod Feltrinellis beschleunigt. Die gesellschaftliche Konfrontation jener Zeit, die Veränderungen der Arbeit und der Lebensformen, die massenhafte Dezentralisation der Revolte machen den Zusammenschluss aller Parteien, des Militärs, der Justiz und Medien notwendig, um diese soziale Kraft zu zerstören. Weil die PCI die Kontrolle über diese Bewegung schon nicht mehr hatte, hat sie sich an deren Zersprengung beteiligt. Das Ende der alten Perspektiven wird damit überdeutlich. Das Klima jener Zeit, eins der Suche, des Aufbruchs, der Negation, des radikalen, nicht rückgängig zu machenden Bruchs mit der Gesellschaft stellt Balestrini in Form dieser Geschichte des Todes des Verlegers dar, aus der sich Geschichten herausdrehen, persönliche oder auch typische Geschichten, wie sie damals verbreitet waren im lebendigen Teil der Gesellschaft. Es bleibt viel Luft zwischen den Geschichten und Personen, ständig wechselt der Autor Ebene, Perspektive, Sprache, montiert die „dreckige Arbeit der Medien“ mit der heftigen Liebesgeschichte aus Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“, lässt den Blick auf die Konstruktionspläne des Buches frei. Diese Freiheit macht das Großartige aus, die klare Luft zum Atmen, wie auf einer Hochebene, auf der einen nichts bedrängt, wo aber die Einfachheit der Form die Klarheit der Gedanken fördert. Mit der Reduzierung der Geschichte jener Jahre auf dieses eine Bild - den Tod des Verlegers - gelingt es Balestrini, die eigene Geschichte des Lesers hervorzulocken, die sich zwischen den Aspekten des Geschriebenen entwickeln und an ihnen reiben kann. Das scheint mir die größte Freiheit zu sein, die ein Autor seinen Leser*innen geben kann.
Hanna Mittelstädt, Die Geliebten in anderen Häusern, Listen, Nr. 30, 12/1992
Balestrini, der 1979 als einer der Theoretiker der autonomen Bewegung wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer subversiven Vereinigung gemeinsam mit Toni Negri und vielen anderen Ziel staatlicher Rache für die Demütigungen der politischen Revolte der 60er und 70er Jahre geworden war, nach Frankreich fliehen musste und erst nach Jahren rehabilitiert wurde, weil sich die Vorwürfe als offensichtliche Unwahrheiten herausstellten, unternimmt den Versuch, den Tod Feltrinellis vor dem Hintergrund der politischen Atmosphäre dieser Jahre zu beleuchten. So entsteht in der für Balestrini typischen interpunktionslosen und knappen Sprache ein facettenreiches Bild der Persönlichkeit von Feltrinelli, das weder voyeuristische Bedürfnisse noch das Verlangen nach revolutionären Heiligenbildchen befriedigt.
Kölner StadtRevue, 07/1992
Kein Punkt, kein Komma. Die Geschichte Giangiacomo Feltrinellis, des millionenschweren linksradikalen Verlegers, der beim Versuch, einen Strommast zu sprengen, sich selbst tötete, wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Keine davon ist die richtige, keine auch nur authentischer als die andere. Alle sind sie eingewoben in die dichte Textur der Prosa von Nanni Balestrini, der intime Beobachtungen, klassenkämpferische Aufrufe und Zeitungstexte so dicht aneinanderschweißt, dass der Leser glaubt, jene bleierne Zeit noch einmal zu erleben. Der Verzicht auf Satzzeichen, der zuerst so künstlich, so manieriert wirkt, stört nach einer Weile nicht mehr, und dann entdeckt man, wie sehr er hilft, den Text zu verdichten, den Leser einzuspinnen in die Geschichte, die erzählte, und in die Erinnerung an die wirkliche. Der Terror, den Literatur ausüben kann.
Arno Widmann, taz, 11.6.1992
Balestrini analysiert eine Epoche und dokumentiert die politische und persönliche Spaltung der Linken nicht nur, um einen Mythos zu entzaubern, sondern auch, um nach Zukunftsperspektiven zu suchen. Ihm ist auf seine ungewöhnliche Art ein kleines literarisches Meisterwerk gelungen.
Nikos Theodorakopulos, Risse in der Linken, taz hamburg, 16.12.1992 mehr ...
Indem eine solche Detailgenauigkeit auf die Möglichkeit verweist, Form und Inhalt nicht nur plausibel, sondern zwingend aufeinander zu beziehen, gibt sie ein Beispiel dafür, was Literatur im besten Fall zu leisten vermag - nicht obwohl, sondern weil sie sich politisch versteht, nicht trotz, sondern wegen ihrer zeitgeschichtlichen Bezüge. Darin liegt die besondere Qualität Balestrinis.
Michael Wildenhain, Buchzeit, Südwestfunk, 15.2.1993
Balestrinis Buch ist auch Nichtkennern der italienischen Szene ohne Einschränkung zu empfehlen. Dem Verlag Libertäre Assoziation, der das im Original 1989 erschienene Buch in deutscher Sprache herausgebracht hat, wäre ein „Bestseller“ durchaus zu wünschen.
ak, September 1992
Manche Bücher vergisst man nicht. Irgendwann will man sie wieder zur Hand nehmen, weil man sich erinnert, an eine Beschreibung oder eine Gedankenfolge, die man gekennzeichnet hat während des Lesens, deutlich markiert mit einem doppelt gefalteten Eselsohr. Aber im Regal findet sich nichts. Verliehen und nicht zurückbekommen. Umso größer die Freude: „Der Verleger“ von Nanni Balestrini ist wieder neu erschienen. Sorgfältig gestaltet von Andreas Homann und sogar mit einem roten Bändchen versehen. Wie eine Frischzellenkur für das Gedächtnis funktioniert das souveräne Vorwort von Theo Bruns.
Hanne Schweitzer, Büro gegen Altersdiskriminierung, 16.10.2020 mehr ...
Die Neuauflage des Balestrini-Romans – der keineswegs im biografischen Sumpf versinkt, sondern die politische Entwicklung wie in einem brechtianischen Szenario oder in einem Roman noir von Jean-Patrick Manchette vielschichtig durchleuchtet – erinnert an eine außergewöhnliche Verlegerpersönlichkeit, die nicht auf halbem Weg stehen blieb, sondern das ganze Leben einsetzte. Bis zum Schluss vereinten Balestrinis Texte Experiment und Kritik, Poesie und Politik, Kunst und Dissens.
Jörg Auberg. Moleskin Blues mehr ...


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